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Robert Oberbeck – Singer Songwriter

Robert Oberbecks neue CD „Soul Bullet“

Das Wort vom „Singer Songwriter“ scheint bei genauerem Hinsehen oft fragwürdig, zumal in unseren Gefilden. Denn es formuliert einen Authentizitätsanspruch an das musikalische „Erzählen“, der doch eigentlich schwer zusammen geht mit der Übernahme von Stil, Sprache und musikalischen Ausdrucksmitteln einer amerikanischen, irischen, vielleicht noch englischen Tradition.  Nennt man Singer Songwriter nun einen aus Mittelhessen, genauer aus Marburg, und vielleicht erst hinreichend genau: einen Musiker, der am Richtsberg (Marburger Hochhaus/Sozialbau Viertel) aufgewachsen ist, dann ist das besonders erklärungsbedürftig. Und doch, Robert Oberbeck, der nun mit „Soul Bullet“ sein viertes Studioalbum vorlegt, ist ein Singer Songwriter im exakten und besten Wortsinne.

Er singt wahrhaftige Geschichten, selbst wo sie frei erfunden sein mögen, von Alltagskämpfern und Kleinstadthelden, von Zweiflern und gebeutelten Familien, von Ausbruchssehnsüchtigen ebenso wie von Rückzugsbedürftigen, die auf der Suche sind nach ihrer kleinen Schutzzone –  während die Zeit und das Geschehen „da draußen“ sie ängstigt.  Alles, was hier erzählt wird, spielt erklärtermaßen auf die eine oder andere Weise in Oberbecks Heimatstadt Marburg. Die musikalischen und sprachlichen Mittel jedoch stammen nicht aus Mittelhessen, sondern aus dem Arsenal englischsprachiger Songwriter: Man hört die Vorbilder Springsteen und Dylan – mindestens ebenso deutlich und eher aus Oberbecks Generation auch die Iren Glen Hansard und Damien Rice.

Und dennoch ist das alles authentisch, ist das eigenes Songwriting –  auch weil die Sehnsüchte, Geschichten und Erfahrungen, die in den dreizehn Stücken zum Stoff werden, selbst schon durchsetzt sind mit dem Soundtrack der Großen von anderswo. Wem in einer Marburg-Pubertät Springsteen-Songs zur Verheißung wurden, der kann, wo er einen Springsteen-ähnlichen Refrain komponiert, ganz wahrhaftig von sich selbst erzählen. Und die Frau, die mit dem „First Train“ eines morgens ihre kleinstädtische alte Welt verlässt, um eine neue zu finden, könnte gut Tom Petty auf dem Kopfhörer haben. Mit ganz wenigen Strichen werden in diesem Lied ungemein konkrete atmosphärische Motive gezeichnet, die die Geschichte der Aufbrechenden, Hoffenden, wohl auch Fliehenden plastisch werden lassen – ohne dass ein wissender Erzähler es zum Plot ausmalen müsste. Solche Songs spielen weiter,  nachdem sie verklungen sind,  verwandeln sich in neue mögliche Varianten, bleiben fortsetzungsfähig in Ohren und Köpfen der Zuhörer.

Stilisierung zum großen Hochglanz-Melodram sucht man vergeblich, ebenso wenig gibt es hier  erbaulichen Mitmach-Optimismus zu tanken.  Nirgends auch hat man das Gefühl, hier würde von einem ganz anderen Schlag Menschen erzählt, als jenen, die uns täglich begegnen oder die wir selber sind.  In „Stadt im Rücken“, dem einzigen deutschsprachigen Titel der Platte,  erinnert sich Oberbeck seiner Kindheit am Richtsberg, versöhnlich, nicht schönfärbend – „wir hatten alle was zu verbergen, manche schon ein vernarbtes Herz“; der lange Hall lässt die Piano-Motive so langsam und doch unaufhörlich verblassen,  wie es wohl auch den Erinnerungen widerfährt, die hier noch einmal beschworen werden. Das ohrwurmtaugliche Titelstück „Soul Bullet“ besingt  zwei wenig stromlinienförmige  Menschen, die versuchen, mit ihren jeweils ganz verrückten Leben zurecht zu kommen, sie sind „born without a plan“ –  und finden doch zusammen. Im ergreifenden  „Where time stands still“ wendet sich der Erzähler dankbar und voller Schmerz an seine in die Demenz entglittene Mutter.  Genau und kilometerweit entfernt von jedem Kitsch werden atemverschlagend traurige, von der Krankheit beschattete Alltagsszenen der beiden geschildert, während unterdessen  die Musik mit Folk-Fidel-Begleitung und im Dreivierteltakt jenen gemeinsamen „Endless Waltz“ ahnen läßt, den der Sohn der Mutter so sehr wünscht.

Spirituell wird das Album nicht im Auspinseln, sondern allenfalls in solchen musikalischen Tupfern –  oder dort, wo der Text das Transzendente in den Sehnsüchten des Alltags erspürt. „The Light“ oder „Where it doesn’t hurt“ sind in diesem Sinne ganz typische Oberbeck-Lieder,  weil man sich beim Hören eigentlich nie für eine Seite entscheiden mag: ob sie in ihrer Sehnsucht nach jener „Schutzzone“ gegen die Verluste und düsteren Drohungen der Gegenwart zutiefst traurig sind –  oder in ihrer musikalischen Gestaltung doch hoffend und warmherzig, geradezu Tom-Petty-trotzig.

Oberbecks Stimme und die akustische Gitarre führen den Bandsound, in zwei Titeln musikalisch unterstützt von Thorsten Wingenfelder (Fury in the Slaughterhouse). Klavier, wenige Streicher, E-Gitarren und das Schlagzeug klingen so, wie sie eben klingen, wenn sie jemand zu spielen weiß und nicht als bloßen Input für Effektkaskaden nutzt. Im Analoghaus-Studio von Tom Ripphahn (ehemals Hands on the Wheel), wo Oberbeck erneut aufgenommen hat,  pflegt man sparsam mit Effekten umzugehen.  Nichts wird am Computer erkünstelt, die extrem guten Mikrofone sollen einfangen, wie ein Song atmet – man hört gleichsam das Holz der alten Röhrenverstärker und den Teppich, auf dem das Schlagzeug Staub aufwirbelt. „Americana“-Produktionen beispielsweise von den Jayhawks oder Ryan Adams haben im letzten Jahrzehnt eine Sound-Idee etabliert, die das Beste des Live-Musizierens gerade durch Hifi-Mittel zum Ausdruck bringt: Man hört hier das „Gemachte“ der Musik, aber nicht wie häufig bei Live-Konzerten durch die ungewollten Nebeneffekte  der Elektrifizierung, sondern weil man das Atmen der Musiker, das Knistern des Gitarrenplektrums, den wippenden Schlagzeugstuhl, den wummernden Unterleib des Klaviers, überhaupt den Raumklang als Momente des Songs wahrnehmen lernt. Musik wird von Menschen mit ihren Leibern in wirklichen Räumen auf größtenteils hölzernen Instrumenten aufgeführt – nicht von Tonabsonderungsquellen. Dieser vermeintliche Makel ist bei vielen Songwritern endgültig eine Tugend geworden, und es ist offensichtlich, dass diese neuere Tradition für Oberbecks Album besonders wichtig war.

Zu ahnen ist, dass all das auch live gut funktionieren wird – es sind dreizehn Stücke echter Musik, die aufgeführt sein wollen. Das Schöne an der CD ist, dass sie eine solche Aufführung schon bestmöglich einfängt. Es ist Singer Songwriter Musik, die weiß, wann sie rocken muss – und wann sie fast schweigen sollte. „Singer Songwriter“ – Musik aus der mittelhessischen Provinz, gar nicht fragwürdig  – ja, das gibt es.