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Nachtschicht auf der Intensivstation
Der Morgen ist noch jung –
Er riecht noch unschuldig und ehrlich
6 Uhr 42
Sagt der Tachometer und ich habe 10 Stunden
Die Nacht lang gearbeitet
Ich habe versucht die sich abspielenden Dramen zu ertragen
Schicksale versucht ein bißchen zu verstehen
In Augen gesehen
Die mich vielleicht nicht mehr wahrnehmen
Und ich habe mich geschämt für unsere Feigheit
Die Grenzen des Lebens zu erkennen
Grenzen die nach Menschlichkeit schreien
Aber Normen und Paragraphen bestimmen unser Leben
Wenn ich das Krankenhaus betrete
Ich bin hier nur Statist
Der
Der den Dreck wegmacht
Wenn das alles nichts gebracht hat
So ist mein Job
Manchmal ist er auch schön
Es wechselt wie der Sommer den Herbst verschluckt
Ein auf und ab der Gefühle
So vieles wird in unserer Welt toleriert
Und als Freiheit deklariert
Aber Sterben dürfen wir nicht
Wir müssen weiterleben
Als halber Mensch
Oder als Wesen
Was auf seine Erlösung wartet
Manchmal reicht ein Tag
Um Wochen voller Sinnlosigkeit zu begründen
Ich gehe zum Auto
Wisch‘ den Morgentau dieser Februarnacht vom Fenster
Und bekomme klare Sicht
Vögel singen
Sie geben mir Mut für einen neuen Tag
Der Mond scheint noch auf Diät –
Ein heller Schimmer ist sein Mantel
Der ihn vor der Kälte schützt
Und ganz langsam geht die Sonne auf
Ich werde nach hause kommen
Und’ne Flasche Bier trinken –
Zum Schlafen –
Wieder mal die Welt zurecht trinken –
Mich zu meiner Liebe ins Bett legen
Mich an sie schmiegen –
Ganz nah –
Haut auf Haut
Und werde sie festhalten
Und so daliegen –
Bis ich ein besseres Wort für Liebe gefunden habe
Dein ganzes Leben hältst du sie fest –
Die Liebe
Setzt auf Gefühle und bunte Bilder in deinen Träumen
Wie sinnlos das alles ist
Im Leben
Wenn wir doch eh dem Tod geweiht sind
Dein ganzes Leben hältst du es fest –
Das Leben des Anderen
Wie auch immer – Frau oder Mann
Oder Frau und Frau
Mann und Mann
Und du hältst sie fest
Und du hältst ihn fest
Da wüten Stürme
Und Worte fallen
Die man nie so gemeint hat
Aber man breitet Flügel aus
Und fliegt über ein Bett aus Wolken
Auf Tag folgt Nacht
Auf weiß folgt schwarz
Auf Liebe folgt Schmerz
Ganz bestimmt
Dein ganzes Leben hältst du sie fest –
Die Liebe
Der Tod kommt immer alleine
So wie das Leben alleine kommt
Dazwischen zählt jeder Tag
Ob hell oder dunkel
Ob bitter kalt
Oder gemütlich warm
Und Gott schenkt uns ein ganzes Leben
Um zu lernen –
Loszulassen
Der Tod hat viele Gesichter
Er ist verdammt zuverlässig
Oft sehe ich ihn
Wie er vorbeikommt
Die Lage begutachtet
Und mit Clipboard und schwarzem Kuli
Malt er große Haken auf die Formulare
Eine Sense hat er noch nie mitgebracht
Ein dummes Klischee
Er braucht so’n Spielzeug nicht –
Er hat doch uns
Er redet immerzu von mehreren Listen
Die im Nichts aushängen
Und ich sollte mir keine Sorgen machen
Die Pläne würden immer für fünf Jahre vorgeschrieben
Und ich wäre noch nicht drauf
Ich habe Angst vorm Tod
Denn ich kenne seine Gesichter
Und die stehen auf keiner Liste
Die Zeit ist leiser
Wenn du sie dir laut vorsagst –
Jede Stunde
Jede Minute
Du mußt ihr Namen geben
Symbole
Positionslichter
Damit du sie wiederfindest
Wir versuchen immer schneller zu Leben
Weil wir wissen
Daß uns die Zeit davonrennt
Nur noch ein paar Jahre
Dann hat sich die Sache von ganz allein geregelt
Und deswegen gibt es Handys, Autos und Computer
Wir reden von Außerirdischen
Die uns schon mal besuchen
Verdammt
Die sind längst hier
Wir benutzen sie Tag für Tag
Wir sind zu faul geworden
Jeden Schritt in die Sonne zu genießen
Nein
Wir wollen gleich auf der Sonne tanzen
Und womöglich
Nicht mal dafür bezahlen
Wir wollen 1000 Länder sehen
In 40 Tagen
Und verschlucken dabei jedes Detail
Wir lachen uns fit,
Lachen uns schön und gleichgültig
Wir lachen und lachen
Im Fernsehen, im Radio,
Am Arbeitsplatz und im Supermarkt
Die Sonne wird kommen –
Meine wird kommen
Aber nur wenn ich nicht auf sie warte
Sondern sie anzünde
Nochmals pfeife ich mein Lied vom kleinen Mann
Der auf und davon fliegt
Auf seinem fliegenden Teppich
Mit zwei Beuteln voller Nuggets
Ich setz‘ mich an einen kleinen runden Tisch
Laß mir mein Guinness schmecken und beobachte die Szenerie
Hier ist der Treffpunkt der Bänker
Die zwei Straßen weiter die Welt regieren
Jetzt ist Lunchtime
Na ja schon fast vorbei
Jedenfalls kommen sie her
Auf ein Pint oder so
Pubs und Cafés
Überdacht und auf alt getrimmt
Verziert
Sie haben Pfund, Dollar und €-Zeichen in ihren Augen
Da stehen sie in ihren Uniformen
Und erklären die Welt
Jeder gut gestylt und topfit
Für den Kampf an der Kasse oder am Computer
Wenn heute Weiberfasnacht wäre
Würde ich mich als Frau verkleiden
Und wir hätten eine Schlipsparty
Durchschnittspreis 30 Pfund
Ich nippe an meinem Guinness und weiß
Daß es mir noch besser schmeckt als denen
Geld regiert die Welt
Und hier in The City Of London ist eines der Schlachtfelder
Die Soldaten kommen heim vom Schlachtfeld
Um neue Kraft zu sammeln
Für den Krieg auf den strategisch
Elektrischen Feldern
Eine Ecke weiter
Unten an der Lombard Street
Ist Will Aufpasser in der öffentlichen Toilette
Und ich stehe mit zwei Bänkern an der Rinne
Und wir pinkeln – alle spüren die Erleichterung
Und in der Rinne sieht die Pisse gleich aus
Strömt zum Abfluß runter
Vermischt sich und
Verschwindet
45 Tage ist er jetzt schon hier
Ein auf und ab der Hoffnung
Aber jetzt haben ihn die Ärzte aufgegeben
Haben ihm den Tod geschenkt
Der, der langsam den Weg zu ihm findet
Es gab Tage da ging es ihm besser
Wir haben uns unterhalten
Über Weltpolitik
Und er wollte `ne Flasche Bier
Oder Sahnekuchen
Jetzt hab‘ ich Nachtdienst
Und es ist fast drei Uhr morgens
Gerade ist er aufgewacht
Weil wir den Nachbarpatienten drehen müssen
Ich stehe an seinem Bett und halte seine Hand
Er drückt sie und schaut mich an
Er weiß was auf ihn wartet und er sieht es in meinen Augen
Ich schüttel sein Kissen auf und befeuchte seinen Mund
Sein Gesicht wasche ich kurz und ich weiß
Jeder Atemzug tut ihm weh
Reden tue nur noch ich
Da er seit drei Wochen einen Plastikschlauch in seiner Kehlkopf hat
Darüber atmet er aber sprechen kann er damit nicht
Morphin bekommt er
Damit er weniger spürt
Er hält immer noch meine Hand
Und schaut mich an
- Ein kalter Schauer läuft meinen Rücken runter
Und ich denke daran welchen Wahnsinn ich mir hier jeden Tag antue
Aber meine kleine Problemwelt wird sandkorngroß
Wenn ich in seine Augen blicke
Er will etwas sagen
Und er formt seine Lippen
Immer wieder
Dieses eine Wort
DANKE
Ich nicke mit dem Kopf
Blicke weiter in seine Augen
Ich krieg‘ fast ein Lächeln hin
Und ich gehe wenig später aus dem Zimmer
Und weiß jetzt
Warum ich diesen Job mache
Sie haben mich weit getragen
Einen Kilometerzähler dranzumontieren
Hätte keinen Sinn gehabt
Der wäre schon vorher explodiert
Sie sind über die Jahre ICH-geworden
Mit all den kleinen Löchern
Den Falten
Die der Tritt der Zeit mit sich bringt
Diese Schuhe haben nix mehr zu verlieren
Denn sie haben alles gewonnen
Sie haben mich durch die Wüste von Death Valley getragen
Und waren mir Kopfkissen in 1000 und 1 Nacht
Darauf gepinkelt
Angespuckt und darauf rum getrampelt
Aber sie sind mir treu geblieben
„Da kann man nichts mehr machen."
Hat der Typ bei Mister Minit gesagt
Als ein Riesenloch
Nach der letzten Tour im Schwarzwald
Übriggeblieben war
Und dann war ich doch überglücklich
Als der alte Schuster in der Altstadt sagte:
„Will mal sehen was ich machen kann.“
Im Indianercamp haben sie voll Staub
Aus mir einen halben John Dunbar gemacht
Und über die Jahre mußte ich das Profil dreimal wechseln
Manchmal fragen Leute mich
Warum ich so große Schuhe trage
Und ich antworte
“Weil ich Klumpfüsse habe.“
Ich habe sie damals
Das war vor neun Jahren
In Amsterdam
Für 300 Gulden gekauft
Für jeden Gulden
Ein Abenteuer
Und jetzt sitz‘ ich hier an einem Bergsee in den Pyrenäen
Ich bin auf 1800 Metern
Und ihnen geht doch noch nicht die Luft aus
Die Sonne geht immer weiter unter
Die Nacht kommt und es wird kalt
Doch sie halten mich warm
Passen auf mich auf
Bis das der Tod uns scheidet
Fast halb zwölf
Ich weiß noch nicht wo ich schlafen werde
Aber London ist so still in der Nacht
Na ja es ist Dienstag
Ich stehe vor dem Buckingham Palace
Victoria strahlt
Und die Bobbys vorm Tor starren einen böse an
Keep The Distance
„Was hat der Typ
Um diese Uhrzeit
Hier verloren ?“
Ich bin Rumgucker
Auch wenn man es mir nicht direkt ansieht
Der Union Jack flattert über dem Dach
Ich blicke zu den Fenstern die man von hier aus sehen kann
In Dreien scheinen kleine Lichter
Aber man kann niemanden erkennen
Man sagt in manchen Nächten
Streift die Queen durch das Schloß
Und schaut durch die Fenster auf die Victoria Statur
Sie beobachtet die Passanten
Die vorbeifahrenden Autos auf der Mall
Denkt an die Penner im St. James Park
Und stellt sich die Geschichte von all diesen Menschen vor
Das sind die Nächte
In denen sie ganz schlecht schläft
Eine Kerze auf dem Tisch
Und Schnaps im Magen –
„Wir müssen ganz ehrlich miteinander reden“
Ein Mann mit Regenschirm geht am Fenster vorbei
Es ist nass und kalt dort draußen
Kaffee gibt’s
Und sie wurde als Kind sexuell mißbraucht
Presseausweise, Stühle und Therapie
Dann zurück nach Dallas
Die Lippen voll geschminkt
Als ob sie bluten
„Ich möchte nicht, daß sie...-ich bin verheiratet“
„Wer ist das nicht ?“
Sagt sie
Witzig ist jetzt angesagt
Blau
Weiß
Silber im Odenwald
Postkarten grüßen Menschen in Hessen
Panik Panther und Kopfmikrofon sind angesagt
Plateausohlen bis zum Himmel
Ich rink’nen doppelten Udo –
Amaretto
Whiskey
Cognac
Soldaten und Fremdenlegionäre verarschen sich gegenseitig
„Genug Krieg geführt“
Und eine schwarze Perle spielt Congas
1890 will man einen hängen
Und ein Sheriffstern blinkt im Schein von Fackeln
Kevin Costner lädt durch und vertreibt die Menge
Jetzt hat er graue Haare und der angeklebte Bart fällt ab
Es ist Winter
Japaner fahren im Allgäu Auto
Und schnupfen Koks mit Jean Claude Van Dame
Schwarzweiß ist das Bild und Präsidenten lassen sich malen
Das Pferd hat Durst und der Sand ist rot
Der Cowboy schwitzt seinen Hut voll
Lederhandschuhe und ein angeschossenes Hemd
Versucht zu fliehen
Opium soll verkauft werden
Und die Mafia putzt Gewehre
Limousinen biegen um die Ecke
Denn es ist Zeit zu sterben
Blätter sind grün und die Häuser werfen Schatten
Die Erde ist klein
Ein Tiefdruckgebiet zieht nach Norden
Athen
Amsterdam
Brüssel
Dublin
Korfu
Kreta
Nizza
Oslo
Rom
Tel Aviv
Venedig
Zypern
Alles Orte fürs Herz
Spielschulden
Sie weint
Das Lycée hat sie rausgeschmissen
Sie hat schöne lange Haare
Aber manchmal kitzeln sie in der Nase
Alles umsonst
Die Liebe hat große Pause
Und die Halle ist mit Weihnachtsbäumen geschmückt
Tauch du nur weiter und Öl tropft in die See
Rudi Carell als Koch
Und er kocht Hühnersuppe
Siebziger Jahre sind so blöd mit Hansi und Ilja
Werbung unterbricht
Catcher
Spinnen als Tatoo und Glatzen
Die Meute schreit
Die Kamera zoomt heran
Ein Typ im weißen Anzug kündigt Träume an
Aber der Traum ist häßlich
Und stinkt nach Schweiß
Irgendwie fehlt mir das Testbild
Mein Vater war ein Arbeiter
Hat im Bergwerk gearbeitet
Irgendwo bei Castrop-Rauxel
Für gutes Geld
Nach einem Jahr gab er auf
Alles zu eng und zu viel Ruß
Er hat Gebäude isoliert
Fünf Uhr aufstehen
Und Fünf Uhr heimkommen
Er hat gearbeitet für ein bißchen Luxus
Auto und Urlaub...und so
Damit es der Familie gut geht
Und er mit der Welt im reinen ist
Mit 46 ist er gestorben
Kurz vor seinem Geburtstag
Jahrelang Asbeststaub
Bringt jeden um
Ich war gerade neun Jahre alt
Nie habe ich seine Träume kennengelernt
Seine Angst oder seine Hoffnung
Krebsgeschwüre hatten ihm
Alle Luft zum Atmen genommen
Und Schmerzen
Die man sich nicht vorstellen kann
Die Firma ist weitergezogen
Hat Pleite gemacht in unserer Stadt
Und mein Vater liegt auf’em Friedhof
Er flüstert mir immer wieder zu
Es besser zu machen –
Besser als all die Anderen
Und ich nicke ihm zu
Und stehe jeden Morgen auf –
Fünf Uhr
Und gehe zur Arbeit
Meine Mutter ist’ne Arbeiterin
Hat ihr Leben lang Dinge Verkauft
Vom Lederschuh
Über Zeitungen
Bis zu Kinderklamotten
Und nebenbei die Kirche unseres Stadtteils geputzt
Manchmal merke ich wie alt sie das Leben gemacht hat
Und manchmal sehe ich das Feuer in ihren Augen
Dann wenn sie von Früher erzählt
Als sie im Petticoat die ersten Tanzschritte gelernt hat
Oder Elvis Presley
In Friedberg lebte
Aber für das Bahnticket dorthin
War kein Geld da
Die Augen glänzen wie Diamanten
Wenn sie aufbricht
Zu ihren Reisen in ferne Länder
Ich bin stolz auf sie
Denn sie weiß um das Spiel der Mächte
Manchmal sagt sie zu mir
Daß ich es besser machen soll –
Besser als all die Anderen
Und ich sage das sie recht hat
Und gehe Tag für Tag zur Arbeit
Ich bin ein Arbeiter
Arbeite in Schichten –
Früh
Spät
Oder nachts
Dann ist es am schlimmsten
Denn meine Gefährtin
Liegt alleine im Bett
Und keiner paßt auf ihre Träume auf
Ich habe mich mit Versicherungen abgesichert
Und verdiene genug Geld
Manchmal schmerzt mein Rücken
Und oft bin ich abends zu müde
Die Welt zu verändern
Aber die Sonne geht jeden morgen auf
Der Tag hat 24 Stunden
Und ich weiß, daß jeder Tag zählt
Ich versuche es besser zu machen
Besser als all die Anderen –
Ich stehe hier
Erzähle dir meine Geschichte
Und ich hoffe
Du hörst mir zu
Menschen beobachten im Harrod's Kaufhaus
Rolltreppen –
Sie gehen rauf und runter
Vollgepackt mit Menschen –
Harrod’s Tüten
Konsumtempel – alles da !
Ich stehe auf einer Terrasse im Kaufhaus
Beobachte sie
Die wunderschönen Frauen
Meist schwarz gekleidet
Japaner –
Die nur Klamotten mit Namen kaufen
Deutsche –
Die nur gucken und ihr Geld in der Tasche lassen
Der Buisnessman
Der mit meinem Tageslohn ein paar Scheiben
Salami bezahlt
Klavier-Plätschermusik haben sie im Hintergrund
Und Ruud Guilit hat’ne Autogrammstunde gegeben
Drei Mark für einmal
Luxuriös pinkeln –
Wenn ihr wollt piss ich euch in die Kristallvase
Oder auf die 300 Mark teure Bettwäsche
Mehr und mehr sehen mich die Leute auf der Rolltreppe
Denken wohl
„Was schreibt der Typ da ?“
Ja, genau
Euren Untergang in Banknoten und Luxuspisse
Schon mal was von Aldi-Markt gehört ??
Die Sache mit dem Schinkenschneiden
Sie macht mich wahnsinnig
Sie sitzt mir gegenüber
Auf ihrer roten Couch
Hat die Beine übereinandergeschlagen
Und spielt mit ihren Haaren
Ihre Augen sind viel blauer
Wenn sie so lacht
Da kommt wohl das Wasser raus
Von dort wo sie aufgewachsen ist
Sie steckt sich eine nach der anderen an
Mit jedem Zug zieht sie tiefer ein
Atmet den Rauch lange aus
Verfolgt jede Wolke mit den Augen
Und wackelt dazu mit ihrem Kopf
Sie redet und redet
Unterbricht sich selber
Und jeden vierten Satz beendet sie mit "Wahnsinn"
Noch vor drei Jahren hat sie an der Fleischtheke
Bei Karstadt gearbeitet
Sie mit Schürze, Schneidebrett und Schinkenmesser –
Unvorstellbar
Wenn ich sie jetzt sehe
Mit ihrem schwarzen Rollkragenpullover
Der schwarzen Jeans und den schwarzen Boots –
Verdammt
Was geht hier vor ??
Wenn sie erzählt ist alles brillant, Absolut und genial –
Wahnsinn halt –
Eine Version der Welt
Die immer ein bißchen besser ist
Als die in der wir leben
Sie fragt mich ob wir in den Park rüberlaufen wollen
Ich sage "Ja"
Und überlege mir was sie jetzt schon wieder mit mir vor hat
Die Leute auf der Straße schauen dauernd zum Himmel
Als ob sie etwas Böses erwarten
In dem Park gibt es ein Karussel
Und dann reitet sie auf dem Pferd
Und ich in dem viel zu kleinen Polizeiauto
Und ihre Augen glänzen wie ein Stein im Regen
Und wir drehen und drehen
Und sie ruft" Schneller, schneller"
Ich stelle meine Sirene an
Und fahre sie mit Martinshorn und Blaulicht
Zurück auf ihre Couch
Und lasse mir von ihr
Das nochmals ganz genau erklären
Wie das funktioniert mit dem Schinken schneiden
15:20, Kensington Garden, London
Dadrüben
Im Kensington Palace soll sie gewohnt haben –
Princess Diana
The English Rose
Jetzt ist sie fast ein Jahr tot
Ich sitz 300 Meter entfernt
Am Round Pond
Sehe den Schwänen zu
Wie sie sich schön machen
Für all die Touristen
Die kommen werden
Dann wenn die Sonne richtig steht
Aus Heathrow fliegen die Boeings und Airbusse
Über den Park
Bringen neue
Und fliegen alte Gesichter aus der Stadt
Jogger rennen durch den Park
Wenn’s Engländer sind haben sie Reebok-Schuhe an
Unzählige Hunde kacken die Wiesen voll
Der eine Schwan läßt nicht von mir ab
Er beobachtet mich
Macht sich schön
Und hält seine rechte Fußflosse in den Wind
Als ob er mich
Per Anhalter
Darum bitten würde ihn von hier fortzubringen
Du kannst doch weg –
Breite deine Flügel aus, Junge
Und los geht’s
Der Grund ist Diana !
Seit sie nicht mehr regelmäßig vorbeischaut
Und ihn zum Tee einlädt
Ist die Welt im Kensington Garden
Ergraut
Stehengeblieben
Harte Zeiten für den Kensington Garden
Ich sitz‘ mal wieder im Flugzeug
Irgendwo über Deutschland
Ich fliege heim
Heim zu meiner großen Liebe
Air France Express
Steht hier auf’nem Schild
Ja –
In Expresstempo will ich zu ihr
Gerade habe ich mein Tablett mit Rotwein
Carbernet Sauvignon
Und undefinierbaren Esswaren vertilgt
Und der Typ neben mir
Liest "Equipe"
Über Nagano und so
Sein Essen hat er nicht gegessen
Nur gelesen
Die ganze Zeit
Vor mir sitzt’n Typ –
Brad Pitt Verschnitt
Spricht kein Wort Französisch
Ist vielleicht genauso ein Sucher wie ich
Frankfurts Lichter kommen langsam in mein Fenster
Und ich kann den Appelwoi riechen
Jackson Browne habe ich gehört
Wie er von den Barrikaden des Himmels
Gesungen hat
Und ich lies mir die kalte Luft aus dem Ventilator
Auf den Pelz brennen
Der Vogel landet
Ich werf‘ mir die Lederjacke über mein Kettenhemd
Keiner weiß von meiner Mission
Fünf Mark und achtzig hab‘ ich in meiner Tasche
Und die zehn Gebote für jede Trinkhalle
In meinem Gitarrenkoffer
Hab‘ ich Bob Dylan versteckt
Und er wartet nur darauf loszuheulen
Ich werde es heute nacht verkünden
Wenn ich die Grenze überschreite –
Revolution !
Der Dezember kommt und ruft mich leise zu sich
Ich sitz‘ am Fenster
Beobachte die Leute in ihren erleuchteten Wohnungen
Der alte Lengenfeld
Seines Zeichens Hausmeister
Schlägt mal wieder seine Frau
Sie weint
Und rennt wohl ins Schlafzimmer
Die meisten haben den Fernseher laufen
Ob sie gucken oder nicht
Ist ganz egal
Jedenfalls flimmern die Kisten
Und Alex von gegenüber
Verkauft verlängerten Afghanen
Unten bei den Containern
An irgendwelche Kids
Es ist Samstagabend
Mein Alter schaut gierig und abwesend "ran"
Und weil die Eintracht den entscheidenden Elfer
Verschossen hat
Leert er seine Bierflaschen nur noch schneller
Werbeblöcke, Applaus und falsche Fans
Er geht nur zum Pinkeln aus dem Wohnzimmer
Nun ist es schon 23:00 Uhr
Ich stehe in der Küche und mach‘ mir ein Käsebrot
Meine Mutter kam erst um neun vom Laden
Weihnachtssamstag oder so
Jedenfalls hatten sie noch länger auf
Und dann der Weg nach Hause mit dem Bus
Jetzt schaut sie fern
Hat die Füße hochgelegt
Qualmt eine nach der anderen
Haut sich Chips und Gummibärchen rein
Und starrt ins Fernsehen
Während mein Alter längst eingeschlafen ist
Da läuft irgendein Krimi
Mit’nem schwarzen Cop
Und’nem Gangster der mit so’ner Kehlkopfstimme spricht
Der aber immer wieder in der Dunkelheit verschwindet
Kung-Fu, Schwarzenegger und was fürs Herz
Und dann irgendwann die Telefonsexnummern
Jetzt steh‘ ich hier am Hauptbahnhof in Karlsruhe
Mit meinem Rucksack halb gepackt
Doch zur Zeit mein bester Freund
Bin dann einfach
So um halb drei raus –
Weg
Und die ham gar nix gemerkt
An die Autobahn
Ein bärtiger Trucker hat mich mitgenommen
Vogelfutter hatte der geladen
Ich glaub‘ Heinz hieß er und war aus Jena
Der wußte warum ich da
Mitten in der Nacht gestanden hab‘
Aber er hat keine blöden Fragen gestellt
Bis Stuttgart bin ich mitgefahren
Von dort dann mit’ner Studentin
Die auf dem Nachhauseweg war
Es war früh morgens und ich habe ihr erzählt
Daß ich auf dem Weg zu meiner Stiefmutter wäre
Und den frühsten Zug verpaßt hätte
Außerdem ist’ne ehemalige Schulkameradin
Vor zwei Jahren nach Karlsruhe gezogen
Ich wärm‘ mich jetzt mit Bockwurst und Senf
Und dem Rest Tee aus meiner Thermoskanne
Ich weiß gar nicht wo ich hin will
Aber ich weiß wo ich herkomme
Und dahin zieht mich nix zurück
Ich hab‘ schon so lange nicht mehr geschlafen
Aber die Kälte hält einen wach
Ich geb‘ zu daß ich Angst habe –
Vor allem vor diesen kalten
Abgefuckten Bahnhöfen
Aber wo soll ich denn sonst hin ?
Ist wohl doch nicht die beste Jahreszeit um abzuhauen
Aber für die Seele spielt das keine Rolle
In ein paar Stunden wird es dunkel
Und ich hab‘ noch knapp dreißig Mark in der Tasche
Vielleicht sollte ich doch zu Hause anrufen
Aber der Alte würde mir die dummen Gedanken
Nur so aus dem Gedächtnis prügeln
Den Spaß will ich ihm nicht machen
Ich heiße Sandra
Bin sechzehn
In zwei Monaten sogar siebzehn
Komm‘ aus Frankfurt
Rödelheim
Draußen fängt’s an zu schneien –
Ich weiß noch nicht wohin ich will
Fängt alles erst an ?
Gestern habe ich ihn wieder gesehen
Den Typ mit dem alten Auto
Es war so ein alter Citroen –
Dunkelgrün
Mit diesen riesigen Frontscheinwerfern
Stammt glaube ich aus den 70ern
So einer wie in diesen französischen Filmen
Mit Yves Montand und Romy Schneider
Jedenfalls hat er mir ganz lange in die Augen gesehen
Als wolle er mir ein Zeichen geben
Als wolle er sagen ich sollte die Sachen packen
Und die Flügel auftanken -
Ich habe mich Kassetten wechseln sehen
Oder Radiosender suchen
Alles in diesem alten,
Dunkelgrünen Citroen
Fernlicht an und Fernlicht aus
Namensschilder von Truckern im Licht flackern
Die Scheiben runterkurbeln
Für Frischluft
Damit man nicht unterwegs einschläft
Und die Reste vom letzten Karamelriegel
Aus den Zähnen pulend
Ganz langsam ist er gefahren
Der Typ mit dem alten,
Dunkelgrünen Citroen
So als sollte ich reinspringen
Und ich setzte mein Yves Montand Lächeln auf
Pfiff unverschämt "La bicyclette"
Und habe die Straße weiterumgekehrt
Fast halb drei
Es ist Samstag Nachmittag
Ich sitze auf einer Bank um einen Baum
Gleich neben dem Marktplatz
Der Himmel blau
Keine Wolke zu sehen
Und alle Menschen auf der Straße
Tragen ein Lächeln in ihren Gesichtern
Und eins für Zuhause in ihren Einkaufstaschen
Meine Freundin kauft noch Käse für heute abend
Und ich warte hier auf sie
Schräg gegenüber spielt ein junges Mädchen Akkordeon
Sie lächelt
Aber ihr Lied klingt nach Tränen – nach dicken salzigen Tränen
Die jetzt endlich raus dürfen
Irgendwie hab‘ ich das Gefühl ich hab‘ auch’ne Tasche voll davon
Sie lächelt immer noch
Das Lied erzählt von Sonne – Sonne die meine Seele massiert
Ab und zu bleiben Leute stehen
Sagen sich kurze Sätze zueinander
Nicken
Lächeln
Schmeißen’ne Mark in ihren Koffer
Wenn Kinder dabei sind
Schmeißen die für die Erwachsenen
Wieso ist das eigentlich so ??
Ne Art Erziehungsmethode
Oder Feigheit ?
Direkt neben mir sitzt ein Penner
Anfangs war er ruhig hat sein Licher getrunken
Und im seinem Rhythmus im Sitzen mitgewippt
Jetzt ruft er ihr andauernd zu was sie spielen soll
Sie lächelt
Nickt ihm zu
Und weint ihr Stück für den Rest der Welt
"Satisfaction", will er rausgehört haben – wenn er meint
In Jeans und T-Shirt sitzt er da und’ne uralte Baseballkappe
Mit Jack Daniels Emblem hat er auf
Die wohl schon ein paar Mal naß geworden sein muß
Sein Vollbart hängt voller weißer Essensreste
Und neben ihm seine Tüte mit Bier
Ich trage’ne blaue Sonnenbrille
Und die will er jetzt aufziehen – einmal durchblicken
"Der Himmel ist immer blauer, mit der Brille – wenn er schwarz wird
Ist immer noch alles blau," sage ich
Er nimmt sie in die Hand
Schaut sie sich von außen an
Blickt von weitem durch sie durch
Und zieht sie auf
"Ich bin immer blau", antwortet er
Er schaut mich mit einem Lächeln an
Er sieht noch blauer damit aus
Seine Plastiktüte stellt er jetzt zwischen uns
Vier Flaschen – liegen drin
Leer
Und die Fünfte hat er halbvoll in der Hand
"Das kennt doch keiner!"
Ruft er ihr zu
Ich lächle dem Mädchen zu und genieße jede Note
Im Akkordeon muß Jacques Brel sitzen und gleich kommt er raus
Singt vom Jef
Von moules et frites
Von frites et moules
Die Leute tanzen an ihr vorbei
Wie im König der Fischer
Walzer in der Central Station
Keiner merkt's
Keiner erinnert sich
"Mein Onkel ist Ulf Merbold," sagt die Baseballkappe
"Da oben ist eh alles schwarz – da ist gar nix.
Ich sach dir, das is‘ bewiesen. Mein Onkel hat mir erzählt die hätten da oben
Riesige Scheinwerfer. Die können alles ausleuchten. Und ich sach dir deine Brille
Macht das nie und nimmer besser."
Das war ein Kinnhaken für mich
Samstag Nachmittag
Die Tochter von Jacques Brel in der Stadt und der Neffe von Ulf Merbold
Jetzt packt das Mädchen ihre Sachen zusammen
Sie läßt mich zurück in diesem stinkigen Kais von Amsterdam
"Ich hab‘ früher auch Musik gemacht – mit den Doors. Wenn der scheiß Motorradunfall
Nicht gewesen wäre. Würde ich heute hier nicht sitzen.
Scheiß Motorrad.
Scheiß Alkohol." Und er reicht mir die fast leere Bierflasche
Ich schaue ihr nach
Wie sie mit ihren schwarzen Turnschuhen die Straße runterläuft
Brel auf den Schultern
Und meine Seele in den Fingern
"Heut‘ ist alles egal", sagt er und ich nehme einen großen Schluck
"Auf Ulf Merbold und die Scheinwerfer", sage ich.
"Auf wen ?"
Fragt er.
Eine heiße Sommernacht in Barcelona
Und meine Klimaanlage funktioniert natürlich nicht
Mein Zimmer hat nur zwei Räume
Eins mit dem Bett und der Kochplatte
Und das kleine Badezimmer mit der Dusche
Dazwischen der kleine Übergang mit dem Fenster zum Hinterhof
Genau da sitz ich jetzt
Auf meinem kleinen Holzstuhl
Ein Bein auf dem anderen
Hab‘ roten Wein in den Adern
Deswegen schwitze ich noch mehr
Steck‘ mir noch’ne Zigarette an
Ich rauch mir noch die Lunge blind
Und aus meinem Kassettenrecorder seufzt die Filmmusik von
Leaving Las Vegas
Gegenüber im Fenster
Sehe ich einen Mann vorm Fernseher
Er hat nur Shorts an
Und er ist unheimlich behaart
Ich bin da eher wie ein Fisch ohne Schuppen
Und er der Schuppenkönig
Sein kleiner Sohn sitzt neben ihm auf der Couch
Und beißt auf einer roten Plastikente rum
Obendrüber steht’ne Frau im Wohnzimmer
Das Licht ist aus
Aber sie steht im Schein ihres Fernsehers
Beide schauen das gleiche Programm
Die Lichter blinken synchron
Aus irgendeinem Fenster schallt eine Jazztrompete
Ich mach den Kassettenrecorder aus
Und mache die Augen zu
Die Trompete schallt im Hinterhof
Unterdrückt das Pfeifen und Piepen eines Papageis
Wunderschön diese Trompete
Die Töne fallen die Stockwerke herunter
Oder steigen zum sternklaren Himmel empor
Sie fliegen durch die Luft
Und jeder hat eine Mission
Am liebsten würde ich jetzt aus dem Fenster springen
Und jeden Ton einzeln umarmen
Hier riecht es nach Zucker
Altem
Feuchten Zucker
Vermischt mit dem Dreck der Straße
"El Raval",
So heißt der Stadtteil hier,
"Ist die geheime Seele Barcelonas!"
Hat mir Enrique, der Frisör erzählt
Ich wohne an der Carrer de Sant Pau
Und nur eine Straße weiter
Flanieren die Touristen an den Ram Blas
Und bei mir im Hinterhof
Hängen die Jalousien über den Balkonen
Und die Katzen streunen über die Dächer
Die Trompete hat aufgehört
Und den Papagei hat auch jemand abgestellt
Ich stell‘ den Kassettenrecorder wieder an
Drei junge dunkelhaarige Spanierinnen
Wunderschön und begehrenswert
Lachen und reden auf einem Balkon
Im Hintergrund haben sie laut Rockmusik laufen
Ich glaube es ist "Proud Mary"
Sie haben mich gesehen
Und ich proste ihnen zu
Steck‘ mir noch’ne Zigarette an
Sie lächeln und winken
Und schenken mir die Hoffnung es besser zu machen
Dann gehen sie wieder in die Wohnung
Und es wird stiller
Der Abfluß stinkt nach Kloake
Der Schweiß dieser Stadt
Zwei Balkone über den Mädchen
Sehe ich zwei Typen
Mein Alter
Sie machen Karate-Übungen
Nachts um halb zwei –
Verrückt
Genauso verrückt wie ich
Der Eine hat einen Hund
Der sich die ganze Zeit unter dem Tisch versteckt
Der Himmel ist hell erleuchtet
Von dieser Stadt der Rundungen
Eine Stadt voller Durst
Eine Stadt der Enge
Und dazwischen zeigt Kolumbus in die falsche Richtung
Aber ich liebe diese Stadt
Gaudi’s Stadt
Diese Stadt mit dem sprechenden Dreck
Den wunderschönen rauchenden Frauen
Hier sind Menschen Entdecker
Jeden Tag -
Und ich werde niemals dazu gehören
Jetzt hab‘ ich das Licht ausgemacht
Sitze im Dunkeln
Am Fenster
Ich spüre einen leichten Windstoß in meinem Gesicht
Das ist wohl die Seeluft
Ich blase Rauchwolken in den Nachthimmel
So wie’s aussieht
Schlafen jetzt alle
Fernseher
Lichter
Trompeten und Radios sind verstummt
Nur die Sterne und die Nachtbeleuchtung
Beschmier’n sich mit Ruhm
Jetzt ist meine Zeit gekommen
Ich mach die letzte Zigarette aus
Ziehe mir mein schwarzes Kostüm und die schwarzen Schuhe an
Die schwarze Kapuze
Klettere die Fassade rauf
Und genieße die Aussicht auf dem Dach
Die Luft steht jetzt still
Jetzt werde ich die Juwelen der Stadt rauben
Fast so wie in "Über den Dächern von Nizza" –
Und mein Name ist Gary Grant -
Gary Grant von Barcelona
Alain
Zwei Jahre steht er schon in dieser viel zu kleinen Küche
Zwei Jahre hat er Tapas und Paellas gezaubert
Und diese Sprache nie verstanden
Irgendwie ist er hier nach einem Dänemarkurlaub hängengeblieben
Wie damals
In Rotterdam
Dort hat er geholfen Schiffe zu bauen
Bis ihm das Öl und der Dreck zu viel wurden
Alain
Ist Franzose –
Noch besser: Südfranzose
Wenn mit seinem Akzent spricht
Klingt das so, als wolle er die Französische Revolution verkünden
Schwarze Locken
Und die Augen immer weit auf
Damit ihm keine Bewegung
Hinter seinem Rücken entgeht
Er raucht
Raucht viel und intensiv
Er hält die Kippe zwischen seinen Fingern
Wie eine Pistole
Und jetzt sitzt er hier neben mir am See
Und schau den Leuten beim Tretbootfahren zu –
Seine Boote lagen immer auf Sandbänken
Diesmal waren es die Raben der Stadt
Die Krähen
Sie haben ihm die Flügel gebrochen
Fast jeden Tag waren sie da und haben ihn ausgelacht -
Er packt den alten Kleinlaster voll
Macht die Türen zu
Und fährt los
Richtung Heimat
Richtung Arles
Ich sehe einen alten Mann die Straße entlang gehen
Mit braunem Hut, Stock –
Ein WICK-blau lutschend
Um das Rauchen zu besiegen
Und den Winter 98
Den Blick zum Boden und die Gedanken bei seiner Frau,
Im Himmel.
Jeden zweiten Tag ist er auf dem Friedhof,
Um ihr "noch näher zu sein."
An den Tagen, wenn es regnet
Schaut er aus dem Fenster
Beobachtet die Leute auf der Straße
Und gibt ihnen Noten für ihre Blicke.
Ich sehe einen alten Mann die Straße entlang gehen
Mir hat er, als ich klein war, immer gesagt
"Werde ein anständiger Mensch."
Und ich hab’s bis heute nicht geschafft.
Damals hat er gern getanzt, vor allem Walzer
Und von ‚ner Karriere als Spieler bei Eintracht Frankfurt geträumt
Und dann ist er aus Flugzeugen gesprungen
Hat Menschen getötet und Granatsplitter aus seinem Bauch gezogen –
Aus Angst -
Weil er mußte.
Er hat gearbeitet –
Alles angenommen um die 40 DM 1948 zu vergolden
Er hat Eis verkauft, Versicherungen und Schundblätter
Ist von Hamburg nach München gefahren und hat versucht die Familie
Glücklich zu machen
Aber der Reibach wurde von ganz anderen eingesackt.
Jetzt kocht er für sich kleinere Mengen,
Aber die Rente reicht und die Wohnung ist warm
Der Fernseher läuft und der Korn ist diese Woche bei Aldi im Angebot
Ich hab‘ ihn gern
Diesen kauzigen, alten Mann,
Der die Straße entlang läuft
Jetzt lächelt er mir zu –
Er ist mein Opa.
Hier stehe ich jetzt
An der Autobahnraststätte zwischen Frankfurt und Gießen
Mein Herz schlägt wieder schneller
Weil ich in heimatlichem Gebiet verkehre
Aber ich werde drum herum fahren
So wie ich’s die letzten zwei Monate gemacht habe –
Einfach eine andere Abfahrt –
Wie im richtigen Leben
Ich bin anfangs nur im Süden rumgefahren –
Tag und Nacht
Manchmal hab‘ ich am Tag geschlafen und nachts
Bin ich gefahren –
Kilometer um Kilometer
Habe ich mir mehr Zweifel eingeredet und Gedanken gemacht
Aber irgendwann
Kurz hinter Montpellier
Da wußte ich
Daß es keine Antworten auf dieses Leben gibt
Nur Fragen
Und die stellen wir solange wir atmen
Wenn man die Autobahnen fährt
Sieht man wie es uns wirklich geht
- Beschissen
Ich beobachte sie aus dem Auto raus
Die Tankwarte
Die mit angstvollem Gesicht
Nachts
Die Kasse aufmachen
Unfreundlich und genervt
Die Familien
Die im Staub der Blechmasse
An Stein- oder Holztischen
Mittagspause machen
Vorsicht
Vakuum verpackt
Die Trucker
Die verzweifelt versuchen die Autobahn mit Freiheit
Zu Füttern
Und die kotzt sich vor Freiheit in die Hose
Halte an zum pissen
In so‘ner kleinen vollgepinkelten Hütte
Einmal kamen aus einer Toilettenbox
Zwei Typen raus
Mit roten Wangen und zerwühlten Haaren
Überfüllte Mülleimer
Mit drum herum kreisenden dicken Fliegen
Plastiktüten mit zerstückeltem Menschenfleisch
Und toten Tieren
Und ein Typ
Der sich im Leben in die Hose scheißt
Schießt aus Büschen auf die
Vorbeifahrenden Autos
"Parkplatz bitte sauber halten"
Steht hier
Und neben dem Schild liegen leere Spritzen
Und gebrauchte Kondome
Auf der Wiese
Ich beiß‘ in meinen Döner
Der schon fast kalt ist
Im Radio läuft eine Sendung wo man 30.000 DM gewinnen kann
4,5 Millionen Arbeitslose
Und die Pakistani zünden’ne Atombombe
- Die Welt ist wunderschön
Sie wird mit jedem Sonnenaufgang neugeboren
Aber wir machen alles kaputt
Mit unserer Dummheit
Zu glauben das sich irgendwie
Alles zum Guten wenden wird
Ich werde weiterfahren – Richtung Norden
Und am Nordkap
Werde ich stehen und allen zurufen
Runterschauen auf sie und werde mit meinem Spielzeughandy
Gott anrufen – und ihm sagen
Daß er endlich das Elfmeterschießen anpfeifen soll
Das Elfmeterschießen
Zwischen seinem Sohn und dem Teufel
Und im Tor wird der Mensch stehen
Mit Designerklamotten, Pelzhandschuhen, FCKW-Mütze,
Hakenkreuztrikot und die Taschen voller Geld
Vollgedröhnt mit Drogen und aufgeputscht mit Tabletten
Tänzelt er
Der Teufel wird skrupellos alle Schüsse verwandeln
Aber Jesus wird Nerven zeigen
Weil er all die Lügen und Tränen spüren wird
Die die wir ihm zugefügt haben
Ich werde den Motor anlassen
Auf 140 beschleunigen
Alles was die alte Karre draufhat
Und die nächste Abfahrt nehmen
Die
Die mich zum Stadion bringt
So schnell wie möglich
Und ich werde den letzten Schuß des Teufels
Abpfeifen –
Weil er angetäuscht hat
Anderer Schluß:
...
So schnell wie möglich
Und ich werde dem Menschen all seinen Ballast
Vom Körper reißen und ihm ein neues Trikot schenken
Mit Werbung drauf
Und der Teufel wird anlaufen und verschießen
Und mit Tränen dreht er sich ab und verschwindet
Auf dem Trikot steht: HOFFNUNG







